Gedenken an die Märzkämpfe und Stolpersteinverlegung

23. März 2017  Antifaschismus, Mein Wahlkreis

Gedenktafel an der Gothaer Hauptpost

Am 17. März wurden in Gotha drei Stolpersteine verlegt. Zwei auf dem Gothaer Neumarkt in Erinnerung an Isidor und Harry Neuwirth, sowie einer in der Oststraße für KPDler Ernst Zimmermann.
Im Anschluss gab es an der Hauptpost eine kleine Kundgebung im Gedenken an die 120 Toten, die vor knapp hundert Jahren im Kampf gegen die Putschisten und für den Sozialismus in Gotha gefallen sind.

 

 

 

 

 

An dieser Stelle dokumentieren wir den verlesenen Redebeitrag anlässlich der Märzkämpfe von 1920.

Am 13. März 1920 setzte der Generalstreik zur Abwehr des Kapp-Putsches in Gotha ein. Arbeiter der Waggonfabrik stürmten die Fliegerwerft und erbeuteten 500 Gewehre die sie in das Volkshaus zum Mohren schafften. Dort bildete sich aus Betriebsräten der KPD und USPD ein Vollzugsrat. Dieser veröffentlichte folgenden Aufruf:

In Berlin haben die Generäle Lüttwitz und Konsorten die Militärdiktatur aufgerichtet. Das bedeutet den weißen Schrecken Ungarns auf Deutschland verpflanzt! (…) Wahrlich, nicht den Ebert, Bauer und Genossen zuliebe appellieren wir an die schon mehrfach bewiesene Kraft des Gothaer Proletariats in Stadt und Land. Es gilt, dem Sozialismus durch die völlige Niederwerfung der Reaktion endlich, endlich die Bahn frei zu machen! Auf dem Boden des revolutionären Rätesystems sammeln wir jetzt unsere ganze Kraft. (…) Genossen! Mitbürger! Es geht ums Ganze! Es lebe die Revolution! Hoch der Sozialismus!“

Die spontan gebildete Arbeiterwehr zog sich am 14. März, nach einem Schusswechsel mit der aus Erfurt anrückenden Reichswehr und ersten Todesopfern, in den Thüringer Wald zurück. Am 15. März konnten Suhl und Gera durch Arbeiterwehren erobert werden. Am 16. März eroberten Arbeiter und Jugendliche aus den umliegenden Dörfern den Truppenübungsplatz Ohrdruf. Dort formierte sich die „Thüringische Volkswehr“. Und in Schmalkalden wurde am 17. März die Räterepublik ausgerufen. Große Teile der Arbeiterschaft waren auf den Straßen und Plätzen, trotz Streik- und Versammlungsverbot. In zahlreichen kleinen Orten übernahmen Arbeiterräte faktisch die Kontrolle.

Am 17. März 1920 versammelte sich eine große Menschenmenge vor der Gothaer Hauptpost, sie warteten auf Nachrichten aus Berlin als ein Maschinengewehrschütze das Feuer in die Menge eröffnete und mehrere Menschen den Tod fanden.

Ein erster spontaner Angriff linker Arbeiter auf Reichswehr, Sicherheitspolizei und die Gothaer „Sturmkompanie“ scheiterte. Doch das Fanal, das der MG-Schütze hier anrichtete mobilisierte zahlreiche Arbeiter und Revolutionäre aus West- und Mittelthüringen.

In den frühen Morgenstunden des 18. März erreichte die „Thüringische Volkswehr“ Gotha, und nach 2-tägigen Straßenkämpfen waren Polizei und Militär besiegt. 120 Menschen starben in diesen Tagen in Gotha. Aber nicht als Opfer, sondern als bewusste Kämpfer für ihre Sache. Niemand gab ihnen den Befehl, sie erhielten keinen Sold oder starben für die Verheißungen einer Religion.

Wer waren diese Aktivisten und was trieb sie an? Sie lebten unter armseligen Verhältnissen in einer durch Klassenunterdrückung und Entrechtung geprägten gesellschaftlichen Realität. Wer Arbeiter war, blieb Arbeiter – es gab kein Entrinnen aus dieser Realität – einzig, es
gelang die kapitalistische Klassengesellschaft zu überwinden. Als Mittel galt der Klassenkampf – der Kampf um die Menschenrechte. In Deutschland geführt von der Sozialdemokratie, die ideologisch in marxistischen Vorstellungen
verwurzelt war. Doch mit Beginn des I. Weltkrieges 1914 verriet die SPD ihren antimilitaristischen Standpunkt. Die Wahrer der alten sozialdemokratischen Werte sammelten sich in der USPD, andere, weitaus radikalere Vorstellungen orientierten sich am bolschewistischen Revolutionsmodel, mit dem Lenin im November 1917 in Russland die Macht übernahm.

Mit dem Sturz der Monarchie in Deutschland im November 1918 endete endlich der I. Weltkrieg und die Zeit des Sozialismus schien für viele gekommen. Doch nun stand im „linken Lager“ die Idee einer bürgerlichen, parlamentarischen Demokratie dem Modell einer Räterepublik entgegen. Das eine bedeutete, weiterhin den Kapitalismus zu erhalten, das andere versprach, die Klassenherrschaft endgültig zu beseitigen. Teile des „rechten Lagers“, allen voran reaktionäre Militärs wollten hingegen ihre Idee einer rechten Diktatur, auch mittels Putsch verwirklichen wollten.Die Spannungen eskalierten zwischen 1918 – 1921 in einem nicht erklärten Bürgerkrieg, der unter der politischen Verantwortung der SPD gegen die revolutionären Bewegungen geführt wurde. Ein Klassenkrieg, der weder große Schlachtfelder kannte noch heroische Episoden. Er glich mehr einem ständig glimmenden Schwelbrand, von einem Ort zum anderen, der nur als lokale Geschichte vermerkt wurde, nicht als Großereignis. Seinen Höhepunkt fand diese Auseinandersetzung mit dem Ende des Kapp-Putsches 1920. Zu diesem Zeitpunkt glaubte die radikale Linke, die Räterepublik noch einmal auf die politische Tagesordnung setzen zu können. Die Lage steigerte sich an verschiedenen Orten zum bewaffneten Aufstand. Im entmilitarisierten Ruhrgebiet gelang es den spontan entstehenden Einheiten einer Roten Ruhrarmee, für kurze Zeit das Heft in die Hand zu bekommen, bis sie von Reichswehrtruppen blutig niedergeschlagen wurden.

Anders verliefen die Kämpfe in Halle und Gotha. Hier siegten die Revolutionäre und zogen sich militärisch ungeschlagen zurück. Freilich hatten sie die Revolution nicht durchkämpfen können. Doch was blieb, war das rote Herz Deutschlands: Mitteldeutschland und Thüringen. Hier waren Hochburgen der KPD und des antifaschistischen Widerstands.

Wir sind hier heute zusammen gekommen, um an die Kämpferinnen und Kämpfer jener Zeit zu erinnern. Sie starben für ihre Sache – und diese Sache hat durchaus mit dem Hier und Heute zu tun.

Ganz einfach deshalb, weil die Geschichte der Menschheit die Geschichte des Kampfes um politische und soziale Gleichberechtigung ist. Mag der Weg dahin bisweilen auch von Irrtümern und Fehlern begleitet sein – im Kern geht es immer um diesen Prozess. Was bedeutet, dass Politik ein Kampf um Macht ist – weshalb sich revolutionäre Politik inhaltlich an einem Kampf gegen „die Macht“ an sich orientieren muss, wenn das Ziel einer freien Gesellschaft erreicht werden soll. Und für dieses Ziel sind jene, die hier ermordet wurden, letztendlich gefallen. Ihnen gilt unser Respekt, denn sie sind für eine Zukunft gestorben, für die wir auch heute noch kämpfen.

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