Für wen und für was dient der Bewertungsbogen in den Grundschulen Thüringens und wer schließt mit wem eine Zielvereinbarung ab?

08. März 2004  Lokales

Mit Unbehagen, Unsicherheit und daraus resultierender Verärgerung habe ich letzte Woche eine so genannte Zielvereinbarung in der Grundschule meines Sohnes unterschrieben. Was als Zielvereinbarung überschrieben ist, steht als letzter Punkt unter einem stark formalisierten, vorformulierten dreiseitigen Bewertungsbogen, in dem die Kompetenzen eines Grundschülers in Thüringen evaluiert werden sollen. Die Klassenleiterin muss auf der Grundlage der Beurteilung des betreffenden Schülers in der Lehrerversammlung diesen Bewertungsbogen ausfüllen und ist dann angehalten (angewiesen?) mit den Eltern auf dem Wege einer schriftlichen Zielvereinbarung, die von Kind und Eltern unterschrieben werden muss, eine Besserung der „Kompetenzen“ des Kindes zu erreichen.

Schon über die Vorgaben und Formulierungen zur Beurteilung in dem Bogen lässt sich unter Pädagogen, Erziehungswissenschaftlern und Eltern sicherlich trefflich streiten, aus meiner Sicht sind die Vorgaben viel zu stark von einer Mentalität geprägt, die von Kindern und erwachsenen Menschen ein bloßes „Funktionieren“ verlangt und in der freies Denken, Kreativität, Selbstentfaltung, Kritik und Selbstkritik als negative Störelemente empfunden werden.

Den Lehrern im Freistaat wird vom Kultusministerium in Thüringen diese zusätzliche Aufgabe abverlangt, ohne Rücksicht darauf, ob ihre Arbeitszeit in den abgeschlossenen Arbeitsverträgen zusätzliche Mehrarbeit zu lässt oder nicht. Durchgesetzt wird die Erfüllung dieser Maßnahme dann offenbar über informellen Druck, eine Methode, die im Freistaat schon öfter angewendet wurde, als Beispiel möchte ich hier nur die „Floating Verträge“, in die ein Großteil der Thüringer Lehrerschaft gezwängt wurde, nennen. Dieser Druck macht sich bei der Diskussion von Schulahngelegenheiten gegenüber den Eltern sehr bemerkbar, kritische Fragen sind unerwünscht, sowohl seitens der Eltern, wie auch seitens der Kinder, und wahrscheinlich auch seitens des Lehrkörpers gegenüber Schulleitung, Schulamt oder Dienstherr.

Seit PISA beobachte ich, dass insbesondere in CDU oder CSU regierten Bundesländern der Druck in den Schulen verstärkt.

Elitär muss es werden, die „Spreu muss vom Weizen getrennt werden“ und dieser Anspruch wird mit einer Arroganz, die ja bekanntlich die Schwester des Elitären ist, durchgedrückt, die keine Diskussionen erlaubt. Individuelle, aber auch keine kollektive Freiräume werden kaum mehr zugelassen

Die Aufgaben für den Lehrkörper wird bei geringeren Arbeitszeiten immer größer, was wiederum zu einer Überlastung der Lehrkräfte führt. Diese Überlastung mündet im Extremfall darin, dass zur Durchsetzung der Disziplin sogar Handgreiflichkeiten seitens der Lehrkraft gegenüber Schülern angewendet werden. Das mag schockierender Einzelfall sein, und ich hoffe sehr auch bleiben, ist jedoch auch als Einzelfall aussagekräftig.

Jetzt also mussten mein Sohn und ich eine Zielvereinbarung unterschreiben, in der steht, dass er mehr Selbstkontrolle durchführen muss, die Ordnung am Platz verbessern muss und einiges mehr.

Zielvereinbarungen sind, im Leben außerhalb des Thüringer Schulsystems, immer beiderseitige Übereinkünfte.

Mir als Elternteil, oder meinem Sohn, wird in dieser Zielvereinbarung jedoch nichts angeboten.

Keine Sicherstellung, dass die Lehrkräfte Entlastung erfahren, so dass Fehlleistungen schon im Vorfeld bearbeitet und Eklats dadurch vermieden werden können. Keine Vorstellungen, ob oder wie das Geld, das das Land Thüringen vom Bund für Ganztagsschulen, immerhin etwa 110 Millionen Euro bis 2007, auch in unserer Grundschule eingesetzt wird, so dass soziale, intellektuelle und Methodenkompetenz bei meinem Kind auch aktiv von Seiten der Schule gefördert werden können.

Und was passiert eigentlich, wenn mein Sohn und ich die Zielvereinbarung nicht erfüllen. Was passiert, wenn mein Sohn die Ordnung am Platz nicht so einhält, wie gefordert, zum Beispiel weil ich als Mutter ihm ein „schlechtes“ Vorbild bin, weil ich insbesondere in meiner wissenschaftlichen Arbeit auf meinem Schreibtisch eine Vielzahl von eigenen Aufzeichnungen, wissenschaftlicher Abhandlungen anderer Autoren, Äpfel, Stifte, Tagungsankündigungen und vieles mehr verstreue?

Wird dann sanktioniert und wie und wer wird dann sanktioniert?

Natürlich will ich, dass mein Sohn sich gut entwickelt.

Je mehr ich aber über seine Entwicklung und die Entwicklung von Kindern und Menschen überhaupt darüber nachdenke, desto ungeeigneter finde ich die Bewertungsbögen und die „Zielvereinbarung“ zur Förderung der Kompetenzentwicklung des Freistaates Thüringen.

Deshalb wünsche ich mir, dass ich diesen Bogen nicht wieder sehen muss.

(Dr. Johanna Scheringer)

Share Button